Vorsicht mit den Adjektiven
Wolf Schneider, Journalist und ehemaliger Leiter der Hamburger Journalistenschule, nennt Adjektive die »Drangeworfenen« und spricht sich für Zurückhaltung aus.
Die situativen Gegebenheiten erfordern ein schnelles, unverzügliches Handeln im kommunalen Sektor.
Unbedacht verwendet blähen Adjektive den Text, ohne ihm mehr Wert zu geben. Oft entstehen Tautologien, Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse. Unsere Hitliste der Adjektive auf die Sie getrost verzichten können:
1. Nur so zur Sicherheit: Das Adjektiv als Dopplung
»(...) schnelles, unverzügliches Handeln«: mit dem Adjektiv »unverzüglich« ist eigentlich alles gesagt. Es führt die Eigenschaft »schnell« gleich mit. Dabei sind solche Dopplungen weit verbreitet: männliche Frontmänner (Frankfurter Allgemeine Zeitung), verheerende Katastrophe (Süddeutsche Zeitung Magazin), feierliche Ehrung (Leipziger Volkszeitung) – Ausdrücke, die ohne das Adjektiv auch und vor allem besser funktionieren, denn es trägt nicht zu einer näheren Bestimmung bei.
2. Elaboriert soll es klingen: Das Adjektiv als (Sprach)Statussymbol
Wenn Kommune, Schule oder Situation zu banal klingen, werden daraus schnell der kommunale Sektor, der schulische Bereich und die situative Gegebenheit. Solche Konstruktionen wirken ein wenig wie Nebelkerzen. Ein inhaltsvolles Substantiv wird zum Adjektiv und durch ein inhaltsleeres anderes Substantiv ergänzt.
3. Eigenschaften, die es nicht gibt: Das Adjektiv wider jeder Logik
Ganz und gar verwirrend wird es, wenn das Adjektiv dem Substantiv Eigenschaften zuschreibt, die es gar nicht hat. Prominente Beispiele dafür sind der dreiköpfigen Familienvater, der grüne Postenstreit und der atlantische Tiefausläufer. Korrekt müsste es heißen: Vater von drei Kindern, der Streit um Posten bei den Grünen und der Tiefausläufer aus dem Atlantik.
Wann sind Adjektive sinnvoll und wünschenswert?
Natürlich lassen sich nicht alle Eigenschaftswörter aus einem Text tilgen. Wir brauchen sie und können sie als Stilmittel einsetzen: zwei gute Gründe Adjektive zu verwenden:
1. Adjektive, die einen Unterschied machen
Adjektive haben eine Aufgabe: Sie helfen, etwas genauer zu beschreiben und zu differenzieren. Wenn wir ein dunkles Brötchen und kein helles beim Bäcker kaufen möchten, müssen wir es klar benennen. Ebenso ist die Wertung ist eine Form der Unterscheidung. So können wir einen Roman langweilig, lustig oder tragisch finden und das Verhalten eines Freundes besonnen, nachsichtig oder unverständlich.
2. Adjektive, die überraschen …
… weil sie in einem unerwarteten Zusammenhang auftreten und Empfindungen erzeugen: »Es schneite still. (...) Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummern.« (Thomas Mann: »Der Zauberberg«)
... oder weil sie als Neuschöpfung auftreten: hoffensdick, balzerig, pfingstig (aus Ernst Jandls Heldenplatz-Gedicht)
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